Die Sehnsucht nach Gemeinschaft und das kulturelle Erbe Weimars
Kursleitung: Dr. Justus H. Ulbricht, Weimar-Jena-Akademie
Viele der ästhetischen Konzepte und politischen Vorstellungen, die wir mit den Begriffen „Weimarer Klassik“ und „Jenaer Romantik“ umreißen, sind in Gemeinschaft entstanden – in freundschaftlichen, doch auch kontroversen Debatten zwischen Adeligen und Bürgern, Männern und Frauen, Dichtern, Philosophen und Künstlern, jungen und älteren Menschen.
Klassik und Romantik entwickeln Konzepte von „Individualität“, „Persönlichkeit“ und „Bildung“ – doch wenn man genauer hinschaut, ist die soziale Komponente, der Traum vom friedlichen Miteinander humaner Persönlichkeiten immer mitgedacht. Schon seit 1800 also steht die Chiffre „Weimar“ für das Versprechen gelebter Humanität und versöhnter Gesellschaft. Auch spätere Generationen opponieren „im Namen Goethes“ (eigentlich aber im eigenen) gegen falsche Verhältnisse und die problematischen Seiten der Modernität. Doch auch diejenigen, die ab 1900 – und erst recht nach 1933 – von der „völkischen Gemeinschaft“ aller Deutschen phantasieren, bedienen sich bei den kulturellen Überlieferungen der Klassikerstadt. Das „Erbe“ steht nach 1945 der realsozialistischen Nutzung zur Verfügung, als dessen wahre „Vollstrecker“ sich die etablierten Eliten der DDR inszenieren.
Inzwischen befeuert Weimars Kultur europäische Sehnsüchte und Visionen gelungener Gemeinschaft und Gesellschaft in einer Zeit, die für viele aus den Fugen geraten zu sein scheint.
Der Kurs richtet sich primär an Germanisten, Historiker und Kulturwissenschaftler. Neben der Lektüre wichtiger Texte zu den Themen „Individuum“, „Gemeinschaft“ und „Gesellschaft“ stehen Führungen durch Museen, Parks und Gedenkstätten. Wir wollen den ästhetischen und architektonischen Manifestationen deutscher und europäischer Träume gelungenen Lebens auf die Spur kommen und diese im interdisziplinären Zugriff wie im interkulturellen Dialog zum Sprechen bringen.
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